Das Geheimnis des Chinesischen Hundes – Tag 4

René von Tiger – Consulting Detective

Tag 4 – Die Auflösung

Drei Tage lang war ich nun durch London getigert, und endlich hatte ich beim Blick von dem riesigen Riesenrad, dem London Eye, eine ganz heiße Spur entdeckt: Etwas war los am Trafalgar Square! Etwas chinesisches! Ich bin natürlich gleich da hin, um mir das Spektakel aus der Nähe anzusehen. Auf dem Weg warf ich mich noch in ein passenderes Outfit, mit dem ich mich ganz unauffällig unter die Menge mischen konnte.

Menschenmassen tummelten sich auf dem gesamten Platz. Sogar die Straßen, die um den Platz herumführen, waren abgesperrt und voller Leute. Und dann sah ich etwas, das mich an meinen wachsamen Tigeraugen zweifeln ließ: Unter dem Klang von Zimbeln, Trommeln und Glöckchen tanzte ein bunter Drache durch das Volk! Mannohmann! Und nicht nur einer! Es folgten ihm noch verschiedene andere Drachen, Löwen und viele Arten von merkwürdigen Gestalten. Nur ein Hund war leider nicht dabei.

Ich fasste mir ein Tigerherz und pirschte mich an einen der Drachen heran, der eine kurze Tanzpause eingelegt hatte. Mein Plan, mich mit meinem unauffälligen Outfit locker durch die Menschenmassen bewegen zu können, ging auf. So konnte ich schnell und unkompliziert Kontakt zu dem chinesischen Fabelwesen aufnehmen. Nach etwas ablenkendem Smalltalk über das Wetter jubelte ich dem von mir verhörten Zeugen ganz lässig die Frage nach dem Chinesischen Hund unter. Ob ich nun einige Silben des von mir nicht oft gesprochenen Mandarin falsch betont und mich mein Gesprächspartner falsch verstanden hatte, oder ob er mir aus purer Drachigkeit nicht helfen wollte, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls bestand seine Antwort nur aus einem heiseren Husten und Fauchen, wobei auch einige kleine Rauchwölkchen aus seinen Nüstern quollen. Wenn ich meine Kenntnis über das Sozialverhalten mitteleuropäischer Drachen auf das Gebaren dieses chinesischen Exemplars übertrage, ziehe ich die Schlussfolgerung, dass er mich auslachte. Frechheit, ungeheuerliche!

Ich sah ein, dass ich andere Zeugen brauchte, die meine Fragen etwas kompetenter zu beantworten in der Lage waren. Also schlug ich mich von Trafalgar Square aus über verschiedene Nebenstraßen durch, bis fast zum Piccadilly Circus. Dieses Stadtviertel wird auch als China-Town bezeichnet, da hier sehr viele Menschen chinesischer Herkunft wohnen und es ein chinesisches Restaurant neben dem anderen gibt. Ich befragte weitere Drachen, zwei Pandabären, einen Löwen – ok, von einem Löwen waren ja sowieso keine vernünftigen Antworten zu erwarten – einen waschechten Chinesen und sogar Meister Yoda. Fehlanzeige! Alle guckten mich immer nur ganz erstaunt an und lachten mich aus.

Schließlich gelang es mir aber doch, mich unter Einsatz meines flauschig-gestreiften Tigercharmes der Hilfe einer sehr freundlichen Zeugin zu versichern. Die kompetente junge Dame berichtete mir, dass man hier das größte Chinesische Neujahrsfest außerhalb Asiens feierte. Das feiert man übrigens jedes Jahr an einem anderen Tag. Der traditionelle chinesische Kalender geht nämlich nach dem Mond, und der geht bekanntermaßen nicht nach der Sonne, so wie der von uns in Europa benutzte Kalender.

Nun ist in der chinesischen Astrologie jedes Jahr einem von zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet. Da gibt es das Schwein, die Ratte, den Büffel, den Hasen, die Schlange, das Pferd, das Schaf, den Affen, den Hahn und natürlich den Drachen. Was mich besonders freut: Auch ein Tiger ist dabei. Und dann kam der dicke Hund! Also, der Hund überhaupt, denn heute, im Jahr 2018, beginnt mit dieser Riesenparty zwischen Trafalgar Square und Piccadilly Circus das chinesische Jahr des Hundes! Jawohl! Das nächste Jahr des Tigers beginnt übrigens am 1. Februar 2022.

Da war er also, der Chinesische Hund. Holmes hatte mich voll auf’s Glatteis gelotst. Es gab gar keine finstere Verschwörung, die es aufzudecken galt, und kein kriminelles Genie, das zur Strecke gebracht werden musste. Mannohmann!!! Es gab einfach nur eine große Neujahrsfeier zum Jahr des Hundes.

Also legte ich den Fall, der eigentlich nie existiert hatte, zur Seite, mischte mich noch eine Weile unters Volk und feierte mit. Am späteren Abend ließ ich meine Erlebnisse rund um das Geheimnis des Chinesischen Hundes bei einem leckeren chinesischen Essen noch einmal Revue passieren. Ich musste über mich selber lachen, dass ich auf diese hinterhältige Finte meines Kollegen Holmes hereingefallen war. Und ich lachte leise in mich hinein, während ich mir überlegte, wie ich ihm diesen bösen Streich heimzahlen würde.


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